Quasimodo oder so ähnlich – die Sonntage im Osterfestkreis

Ungekürzte Fassung des Artikels unter „Hätten Sie’s gewusst?“, Gemeindebrief Nr. 149, von Pfr. Dr. Johannes Grashof, im Februar 2007

Das missgestaltete Baby lag auf den Stufen vor der Kirche. Der Priester Claude Frollo las es auf und nannte es Quasimodo. Wie man weiß, wurde aus dem Findelkind später der „Glöckner von Notre Dame”. Doch wer kennt den Roman von Victor Hugo so genau, dass er wüsste, weshalb er so eigenartig heißen sollte? Frollo nannte seinen Zögling nach dem Tag, an dem er ihn vor dem Kirchenportal aufgelesen hatte. Das war nämlich am ersten Sonntag nach Ostern gewesen. Und dieser Tag trägt im kirchlichen Festkalender traditionell die Bezeichnung „Quasimodogeniti”, zu deutsch: „Wie neugeborene Kinder”. Deshalb also: „Quasimodo”. Aber woher hat dieser Sonntag seinen seltsamen Namen?

Um das zu erklären, müssen wir ein wenig ausholen. Ostern ist das wichtigste Fest der Christenheit. Schon früh färbte dies ab auf die Zeit davor und danach: Seit alters her bereitete man sich auf das Fest mit einer 40tägigen Buß- und Fastenzeit vor. Dabei erinnerte man sich an den Leidensweg Jesu, den er für die Schuld der Menschen auf sich nahm. Dem Osterfest ließ man dann eine 50tägige Freudenzeit bis Pfingsten folgen. Man erinnerte sich an die Wochen, in denen der Auferstandene den Jüngern erschienen ist, bevor er in den Himmel aufgenommen wurde und von dort den Jüngern seinen Geist schickte. Jahr für Jahr vergegenwärtigte man sich so den Ursprung der christlichen Botschaft. Mit der Zeit ordnete man den Sonntagen innerhalb dieser neunzig Tage bestimmte Bibeltexte zu. Jahr für Jahr wurden sie in den Gottesdiensten vorgelesen. Die lateinischen Anfangsworte der Texte gaben dann irgendwann auch dem jeweiligen Sonntag, an dem sie vorgelesen wurden, den Namen.

Fast alle Sonntage dieser Zeit (außer dem letzten vor Ostern) bekamen ihre Namen von dem Anfangswort des sogenannten Leitverses, der nach gregorianischer Tradition immer den Psalmgesang einrahmt.

So erhielt der erste Sonntag nach Ostern die Bezeichnung

Quasimodogeniti nach dem Vers 1. Petrus 2,2: „Wie neugeborene Kinder nach Milch, so seid begierig nach dem unverfälschten Wort Gottes.” Der Text erinnert an den Anfang eines neuen Lebens in Christus, nach dem sich die Menschen sehnen sollen, wie neugeborene Kinder nach der Milch. Daher also der Name „Quasimodo”!

Der Vollständigkeit halber seien hier noch die Bezeichnungen der übrigen Sonntage im Osterfestkreis aufgelistet:

a) die Sonntage der Passionszeit:

Estomihi (Karnevalssonntag) – Psalm 31,3: „Sei mir ein starker Fels und eine Burg, damit du mir helfest!”

Invokavit – Psalm 91,15: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören.”

Reminiszere – Psalm 25,6: „Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an eine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.”

Okuli – Psalm 25,15: „Meine Augen sehen stets auf den HERRN, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.”

Lätare – Jesaja 66,10: „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich alle, die ihr sie lieb habt.“

Judika – Psalm 43,1+2: „Schaffe mir Recht, o Gott, und errette mich! Denn du bist der Gott meiner Stärke!”

Der letzte Passionssonntag, der die Karwoche einleitet, heißt „Palmsonntag”. Er erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem und trägt seinen Namen nach den Palmenzweigen, mit denen das Volk Jesus als König begrüßte.

b) die Sonntage der österlichen Freudenzeit:

Quasimodogeniti (siehe oben)

Miserikordias Domini – Psalm 33,5.12: „Die Erde ist voll der Güte des HERRN. Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist!”

Jubilate – Psalm 66,1+2: „Jauchzet dem HERRN , alle Lande! Lobsinget zur Ehre seines Namens!“

Kantate – Psalm 98,1: „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder!”

Rogate – Psalm 66,20: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.”

In diesem Fall entspricht der Name des Sonntags nicht exakt dem Versanfang, sondern er greift ein Stichwort daraus auf. Am Donnerstag nach Rogate wird übrigens immer Christi Himmelfahrt gefeiert.

Exaudi – Psalm 27,7: „Höre meine Stimme, HERR, wenn ich rufe, sei mir gnädig und erhöre mich!”

Die letzte Woche der österlichen Freudenzeit mündet in das Pfingstfest.

Die Sonntage nach Ostern lassen sich leicht merken, nämlich mit folgendem Satz: „In rechter Ordnung lerne Jesu Passion”.