Andacht zu Psalm 37,5

„Lass den Herrn deinen Weg bestimmen! Vertrau auf ihn! Er wird es schon machen.“
– Psalm 37,5

Das Bild zeigt ein Portrait des Dichters und Theologen Paul Gerhardt.

Foto: epd-Bild

Liebe Gemeinde,
wir leben in Zeiten tiefgreifender Veränderungen, verbunden mit gesellschaftlichen Umbrüchen, kulturellen Verschiebungen und persönlichen Unsicherheiten. All diese Entwicklungen prägen unseren Alltag und zerren an unseren Kräften.
Auch die Kirche steht vor großen Veränderungen. Wandel ist der Kirche grundsätzlich nicht fremd, dennoch sind die Auswirkungen solcher Veränderungen heute spürbarer denn je. Vieles, was über Jahre selbstverständlich war, verliert zunehmend an Bedeutung. Vertraute Strukturen verändern sich, Gemeinden werden kleiner und Sicherheiten verschwinden. Kirche ist im Wandel. Die große Frage, vor der wir stehen, lässt sich nicht einfach beantworten. Kirche muss einen Weg finden, mit all diesen Herausforderungen umzugehen, ohne dabei ihren Auftrag zu verlieren.
Solche Umbrüche, wie wir sie heute erleben, gab es jedoch immer wieder in der Geschichte, so auch vor über 350 Jahren zur Lebenszeit des Theologen und Kirchenliederdichters Paul Gerhardt.
In diesem Jahr jährt sich der Todestag des bekannten Kirchenliederdichters und Theologen. Paul Gerhardt wuchs im 17. Jahrhundert auf, einer Zeit, die stark vom Dreißigjährigen Krieg geprägt war. Ein Krieg, der weite Teile Europas verwüstete. Hunger, Krankheit und Tod, aber auch politische Spannungen bestimmten das Leben der Menschen.
Paul Gerhardt war selbst unmittelbar von dieser schweren Zeit betroffen. Nicht nur der Krieg und seine Folgen setzten ihm zu, auch persönliche Schicksalsschläge prägten sein Leben. Er verlor mehrere Kinder sowie seine Ehefrau. Hinzu kamen kirchliche Konflikte, die sogar dazu führten, dass er zeitweise sein Amt verlor. Sein Leben war sprichwörtlich von Umbrüchen, Verlusten und Ungewissheit gekennzeichnet.
In Berlin, genauer gesagt im Nikolaiviertel, wurde mir der Theologe Paul Gerhardt noch einmal auf besondere Weise nahegebracht. Dort war er als Pfarrer an der Nikolaikirche tätig. Wenn man heute durch dieses Viertel geht, wirkt zunächst alles ruhig und geordnet. Zu Gerhardts Zeit jedoch war Berlin geprägt von Armut, Spannungen und vielfältigen Konflikten. Genau dort wirkte er als Pfarrer, Seelsorger und Kirchenliederdichter. In dieser Umgebung entstanden viele seiner bis heute bekannten Lieder.
Was mich an Paul Gerhardt besonders beeindruckt, ist seine Ehrlichkeit. Er hat schwere Verluste erlebt, seinen Arbeitsplatz verloren und dennoch nicht aufgehört, Hoffnung weiterzugeben. Seine Lieder nehmen Ängste und Zweifel ernst und schenken den Menschen zugleich Vertrauen auf Gott.
Das Lied „Befiehl du deine Wege“ (EG 361) ist für mich ein solches Lied. Es spricht davon, dass man nicht alles allein tragen muss und dass Unsicherheit zum Leben dazugehört. Zugleich ermutigt es dazu, den eigenen Weg Gott anzuvertrauen, auch dann, wenn man nicht weiß, wohin er führt. Gerade das macht dieses Lied zu einer starken Botschaft.
Wenn wir über Kirche im Wandel sprechen, kann Paul Gerhardt auch heute noch ein wichtiger Impulsgeber sein. Er verstand die Sprache der Menschen und brachte den Glauben mitten in ihren Alltag.
Kirche verändert sich, weil sich das gesellschaftliche Leben der Menschen verändert. Menschen leben heute anders, denken anders und stellen andere Fragen. Kirche muss lernen, auf diese Fragen einzugehen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Tut sie das nicht, verliert sie den Kontakt zu den Menschen. Paul Gerhardt zeigt uns, dass Veränderung nichts Bedrohliches ist. Er hat vorgelebt, was es heißt, neue Wege zu gehen, ohne den Kern des Glaubens aufzugeben. Genau diesen Mut brauchen wir auch heute.
„Befiehl du deine Wege“ bedeutet für mich nicht, alles aufzugeben und untätig zu werden, sondern den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen, im Wissen darum, nicht allein zu sein. Sowohl wir als einzelne Personen als auch wir als Kirche dürfen neue Wege gehen, auch wenn sie uns im ersten Moment ungewohnt erscheinen.
Meine Reise vor zwei Jahren nach Berlin und Wittenberg hat mir gezeigt, dass Kirche schon immer im Wandel war. Menschen wie Martin Luther und Paul Gerhardt haben diesen Wandel nicht aufgehalten, sondern aktiv mitgestaltet. Sie haben vertraut, gezweifelt, gerungen und dennoch weiter für ihre Überzeugung gekämpft.
Der Todestag von Paul Gerhardt jährt sich in diesem Jahr zum 350. Mal. Dennoch ist er kein verstaubter Theologe aus der Vergangenheit, sondern auch heute ein wichtiger Impulsgeber für die Kirche. Einer, der zeigt, dass Glaube schon immer in Bewegung war und ist. Dass Kirche immer unterwegs war, mal langsamer, mal schneller. Dieses Durchhalten in Zeiten der Unsicherheit halte ich auch für unsere Kirche heute für besonders wichtig. Kirche wird weiterhin ihren Glauben leben, das Evangelium zu den Menschen bringen und Verantwortung für Mensch und Umwelt übernehmen.
Amen.

Patrick Nilgen

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